Gesundheit hat kein Alter


Konzept und Evaluation des Pilotprojekts zur Setting-bezogenen Gesundheitsförderung in der stationären Altenbetreuung in Österreich

Background


Im Anschluss an Ergebnisse aus Vorprojekten – Literaturanalysen zum Stand der Forschung zur Gesundheitsförderung im gerontologischen Bereich und empirische Erhebungen zum Stand der Praxis der Gesundheitsförderung in LTC in Österreich und Deutschland – wurde ein Pilotprojekt beraten und mitkonzipiert, das vom Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger, von der Wiener Gesundheitsförderung, vom Fonds Gesundes Österreich gemeinsam mit dem Kuratorium Wiener Pensionistenwohnhäuser aufgesetzt, durchgeführt und finanziert wurde. Das Projekt „Gesundheit hat kein Alter“ erprobte die Möglichkeiten Setting-orientierter Gesundheitsförderung für wichtige Zielgruppen in der stationären Altenbetreuung (BewohnerInnen, MitarbeiterInnen und Angehörige). Ein vorweg definierter Schwerpunkt war die Implementierung einer Mobilitätsförderungsintervention für die Gruppe der BewohnerInnen.

Aufgabe des LBIHPR war es, dieses Pilot- oder Modellprojekt wissenschaftlich zu beraten, im Sinne eines Quasi-Experiments zu beobachten und seine Ergebnisse zu evaluieren.

Theoretical Approach


Die beobachtungsleitenden theoretischen Grundlagen des Evaluationsprojektes entstammen im Wesentlichen der systemischen Organisationsentwicklung, der Qualitätsentwicklung, der betrieblichen Gesundheitsförderung (BGF) und Konzepten des Gesundheitsfördernden Krankenhauses.

Objectives (Fragestellungen)


  • Wie stellen sich gesundheitliche Situation und Bedürfnisse der beteiligten Gruppen dar? Welcher Bedarf in Bezug auf Gesundheitsförderung wird dadurch sichtbar?
  • Welche Handlungsmöglichkeiten leiten die verantwortlichen Entscheidungsträger der Einrichtungen aus den Ergebnissen der Bedarfserhebung ab, v.a. in Bezug auf Implementierung von gesundheitsförderlichen Maßnahmen für die Zielgruppen?
  • Wie werden diese Handlungsoptionen in strategische Entscheidungen der Führung übersetzt? Wie werden Wirksamkeit und Nachhaltigkeit dieser Entscheidungen abgesichert?
  • Welche Erfahrungen werden mit der exemplarischen Durchführung einer Intervention zur Mobilitätsförderung von BewohnerInnen mit unterschiedlichem Grad von Selbständigkeit, körperlicher und psychischer Leistungsfähigkeit und Motivationslage gemacht? Welche Implementierungshilfen benötigt diese Intervention? Wie „leicht“ ist sie in den Alltag der Einrichtungen integrierbar?
  • Welche Gesundheitseffekte werden durch die Mobilitätsintervention erzielt? Lässt sich der Abbau positiver Gesundheit verzögern oder sogar umkehren?
  • Welche Schlussfolgerungen können für die Verbesserung der Intervention, für die Bedingungen der Implementation und für den Transfer des Modellprojekts in andere Einrichtungen abgeleitet werden?

Methodologies


Das wissenschaftliche Begleit- und Evaluationsprojekt wurde in drei Teilprojekten durchgeführt:

Teilprojekt Bedarfserhebung:

  • Befragung der BewohnerInnen mittels standardisierter Interviews durch geschulte InterviewerInnen und professionelles Assessment durch das Pflegepersonals per standardisiertem Fragebogen (Zufallsstichprobe, n=345)
  • Befragung der MitarbeiterInnen mittels Selbstausfüller-Fragebogen (n= 235; Rücklaufquote= 64%); Ergänzung durch Gesundheitszirkel
  • Fokusgruppen mir ehrenamtlichen MitarbeiterInnen und Angehörigen (n= 74)
  • Befragung des Managements mittels Selbstbewertungsinstrument (3 Einrichtungen + Zentrale)

Teilprojekt Evaluation von Strategien und Maßnahmen zur Entwicklung des Settings:

  • Dokumentation eines durch Gesundheitsförderungsexperten unterstützten Strategieentwicklungsprozesses (Dokumente, Protokolle von Arbeitssitzungen, teilnehmende Beobachtung, Einzelinterviews)
  • Qualitative Analyse und Rückmeldung in formativer Perspektive (Zwischenevaluation)

Teilprojekt Durchführung einer Studie zur Mobilitätsförderung für BewohnerInnen:

  • Pre- und Postassessment des gesundheitlichen Zustandes der BewohnerInnen durch geschulte InterviewerInnen (Prä n= 276, post n= 222).
  • Beobachtung der praktischen Umsetzung mittels Dokumentations- und Feedbackbögen der Trainerinnen und Projektkoordinatorinnen
  • Statistische Analyse der Daten (Interventionsgruppe n=139, Kontrollgruppe n= 137)
  • Fokusgruppen mit BewohnerInnen und TrainerInnen; qualitative Datenanalyse

Kooperationspartner


Neben den am Umsetzungsprojekt beteiligten Partnern des LBIHPR (HV, WiG und FGÖ), das Kuratorium Wiener Pensionisten-Wohnhäuser und Medizinische Universität Wien

Ethical Issues


Die Teilnahme am Gesamtprojekt erfolgt freiwillig. Daten werden möglichst anonymisiert erhoben und ausgewertet bzw. werden Prinzipien der Vertraulichkeit gewahrt, wo Anonymisierung nicht möglich ist.

Status / Timeline


Projekt im Abschluss (Laufzeit Anfang 2011 bis März 2013).

Results


Das Pilotprojekt „Gesundheit hat kein Alter“ zur Setting-orientierten Gesundheitsförderung in der stationären Altenbetreuung wurde im März 2013 abgeschlossen.

In einer systematischen Bedarfserhebung konnten wesentliche Handlungsfelder für Gesundheitsförderung für alle Zielgruppen identifiziert werden. Für BewohnerInnen wurde v.a. das Thema Mobilitätsförderung, aber auch soziale Unterstützung und Sicherheit aufgegriffen. Für MitarbeiterInnen wurden Themen rund um die Erhaltung von Arbeitsfähigkeit im Lebenslauf deutlich. Interventionsmöglichkeiten ergaben sich in Richtung Berücksichtigung von körperlichen Belastungen (durch ergonomische Schulungen). Es zeigten sich aber auch Probleme im Bereich Kommunikation und Vertrauen in Bezug zur Führung sowie unter KollegInnen. Für Angehörige und Ehrenamtliche zeigten sich Probleme und Handlungsmöglichkeiten vor allem im Bereich Kommunikation und Information. Die Erhebungsinstrumente und -verfahren erwiesen sich als brauchbar und relevant und lieferten wertvolle Ergebnisse als Basis für eine Strategie- und Maßnahmenentwicklung.

Die Hauptintervention für die Gruppe der NutzerInnen richtete sich auf die Mobilitätsförderung. Die Intervention wurde als wissenschaftliche Studie unter dem Titel „Bewegtes Leben“ mit dem Ziel angelegt, die Implementierbarkeit und Wirksamkeit zu überprüfen (Intervention vs. Kontrollgruppe). Das Curriculum wurde in Kooperation mit der MUW, PD Dr. Stamm, und internen ExpertInnen entwickelt. Die Maßnahme erwies sich als implementierbar, zusätzliche Projektressourcen waren vor allem für die Organisation als Studie notwendig. Die Wirksamkeit der Intervention (p

Insgesamt ermöglichten diese Ergebnisse eine Fortsetzung und auch ein organisations-internes Roll-Out ausgewählter Aspekte des Mobilitätsförderungsprogramms; zunächst in Form einer systematischen Fortbildung für alle BetreuerInnen im Unternehmen, die im Bereich der Mobilitätsförderung aktiv sind. Eine systematische Implementierung eines Mobilitätsförderungsprogramms in drei weiteren Einrichtungen des KWP wird im Rahmen eines Fortsetzungs-Projekts evaluiert (siehe dazu Settings-comparative study).

Maßnahmen für die Gesundheit von MitarbeiterInnen, als zentraler Bereich im Strategieentwicklungsprozess wurden auf unterschiedlichen Ebenen des Unternehmens bearbeitet. Im Projekt konnten durch die eingerichteten Steuerungsgruppen auf lokaler Ebene der Pilothäuser niederschwellig bearbeitbare Probleme gelöst werden. Auf der Ebene des Gesamtunternehmens wurde eine Stelle zur Gesundheitsförderung von MitarbeiterInnen besetzt, um ein Konzept zur Betrieblichen Gesundheitsförderung zu erarbeiten. Als erste umfassende Maßnahme wurden Ergonomie-Schulungen für MitarbeiterInnen in den Pilothäusern (GHKA) und darüber hinaus durchgeführt. Die Beobachtung dieser Maßnahme wird als vertiefende Forschung fortgesetzt. Die Beteiligung an einem nationalen Programm zur altersangemessenen Gestaltung von Arbeitsplätzen (fit2work). ist ebenfalls Teil der in Angriff genommenen Fortsetzung. Das LBIHPR wird sich in einer Evaluationsrolle beteiligen.

Für die Gruppe der Angehörigen von BewohnerInnen wurde ein erstes Einbindungskonzept entwickelt. Die Implementierung erster Maßnahmen wird vom LBIHPR weiterhin evaluatorisch begleitet.

Insgesamt ist es im Pilotprojekt gelungen, Gesundheitsförderung in drei SeniorInnenwohnhäusern des KWP in einem umfassenden Setting-Ansatz zu implementieren und Anstöße zur nachhaltigen Verankerung zu geben – trotz parallel einhergehender Veränderungen in der Organisationsstruktur durch die Umstellung des Betreuungskonzepts für BewohnerInnen. Gesundheitsförderung konnte auch in dieser Phase des organisationalen Umbruchs als Chance kommuniziert werden, um ausgewählte zielgruppen-orientierte Strukturen bzw. konkrete Maßnahmen zu entwickeln bzw. zu implementieren.

Produkte / Publikationen


Cichocki,M., Quehenberger,V., Krajic,K. (2013):

Evaluationsbericht „Gesundheit hat kein Alter“ – Wiener Pilotprojekt zur Erprobung Setting-orientierter Gesundheitsförderung in der stationären Altenbetreuung und Pflege. Wien: LBIHPR.


Cichocki,M., Wagreich,T., Hübel,U., Müller,S., Krajic,K. (2012):

Gesundheitsfördernde Altenbetreuung und Pflege. Ein Pilotprojekt in Wien. In: Ottendörfer,B. (Ed.), Geld und Gesundheit: Der Wandel vom Gesundheitssystem zur Gesundheitswirtschaft (pp.149-159). Linz: OÖ Gebietskrankenkasse.


Krajic,K., Cichocki,M. (2012):

Gesundheitsförderung als Thema in der Altenbetreuung und Pflege – Bedarf und Möglichkeiten. Soziale Sicherheit, 2012 (2), 80-81.


Müller,S., Hübel,U. (2012):

„Gesundheit hat kein Alter“ Ein Pilotprojekt zur gesundheitsförderlichen Gestaltung der Lebens- und Arbeitswelt Seniorenwohnhaus. Soziale Sicherheit, 2012 (2), 82-86.


Stürzenbecher,S., Wagreich,T. (2012)

Mobilitätsintervention „Bewegtes Leben“. Soziale Sicherheit, 2012 (2), 87-89.


Cichocki,M., Wagreich,T. (2012):

Ergebnisse der Bedarfserhebung und Ausblick auf strategisch relevante Themen im Rahmen der Organisationsentwicklung des Projekts „Gesundheit hat kein Alter". Soziale Sicherheit, 2012 (2), 90-98.


Krajic,K., Cichocki,M., Wagreich,T. (2011):

Förderbar. Gesundheitsförderung in der Altenbetreuung ist noch wenig entwickelt. Das österreichische Gesundheitswesen (ÖKZ), 52 (4), 30-31.

Abstract | Full Text


Krajic,K., Schmidt,C., Schüssler,S. (2010):

Health promoting organisation settings in long-term care - Conceptualizing in the framework of the Vienna Organisational Health Impact Model. Theory of Health and Health Promotion in Organizations, Part 3 of 6. Vienna: LBIHPR. (Working Paper LBIHPR 6.)

Projektteams


Operatives Pilotprojekt:

Leitung: Mag. Sascha Müller, Mag. Ursula Hübel

Projektmanagement: Stefanie Stürzenbecher MA, Mag.(FH) Clara Wenger-Haargassner

Lokale Projektkoordinatorinnen: Ehrentraud Svoboda, Erika Mosor, Eva Solar-Neubauer

Mobilitätsintervention:

PD Mag.Dr.Tanja Stamm, Dr. Gudrun Diermayr, MMag. Tanja Wagreich

Assessment und Evaluation:

Wissenschaftliche Leitung: Dr. Martin Cichocki, MPH, PD Dr. Karl Krajic

Wissenschaftliche Mitarbeit: MMag. Tanja Adamcik (Wagreich); Sandra Schüssler, MSc, Mag. Doris Zeidler, Mag. Angelika Hausenbiegl, Matthias Manousek MSc, Viktoria Quehenberger, BA.

Wissenschaftliche Assistenz: Patricia Sadre-Dadras, Julia Zottl, BA, DGKS Natascha Heredia-Jimenez

Fachberatung: Dr. Michaela Brause, Dr. Annett Horn, Thomas Kleina MPH, Dr. Günther Ehgartner

Weiterführende Links


Projekthomepage: www.gesundheithatkeinalter.at