Theorie der Partizipation im Gesundheitsdiskurs


Background


Partizipation ist ein allgegenwärtiges Grundprinzip der Gesundheitsförderung, für das sowohl demokratische wie utilitaristische Argumente angeführt werden. Der Begriff und die mit ihm verbundenen Praktiken werden zunehmend aber auch kritisch diskutiert. Partizipation gilt demgemäß als unzureichend – ohne Referenz auf die allgemeine sozialwissenschaftliche Theoriebildung – konzeptualisiert, inkonsistent verwendet und letztlich nur normativ begründet. In der Unbestimmtheit des Begriffs ergeben sich Unsicherheiten in der Umsetzung und es besteht die Gefahr, dass Partizipation zum schlichten Label von Maßnahmen wird, die der Forderung nach Mitbestimmung und Mitentscheidung keineswegs gerecht werden. Für die Forschung ergeben sich aus der Unbestimmtheit des Begriffs Probleme der Messbarkeit und Vergleichbarkeit partizipativer Maßnahmen und es fehlt daher an robuster Evidenz über positive wie negative Effekte von Partizipation.

Objectives


Vor diesem Hintergrund wird das Ziel verfolgt, den Stand der sozialtheoretischen Konzeptualisierung von Partizipation darzulegen und anhand eines kommunikationstheoretischen Zugangs ein erweitertes Verständnis der Teilnahme an Entscheidungsprozessen vorzuschlagen. Dieser neue Konzeptualisierungsversuch wird für professionelle Organisationssysteme als wichtiges Setting der Gesundheitsförderung spezifiziert.

Methodologies & Theoretical Approach


Zunächst wird eine systematische Literaturrecherche unternommen, um relevante sozialtheoretische Perspektiven auf partizipative Praktiken der Gesundheitsförderung zu identifizieren. Es wird herausgearbeitet, welche zentralen Fragestellungen des Partizipationsdiskurses anhand theoretischer Perspektiven bereits adressiert wurden. Da die Frage der Entscheidungsbeteiligung nicht ausreichend durch bereits entwickelte theoretische Ansätze ausgearbeitet wurde, wird eigenständig ein systemtheoretischer Zugang entwickelt. Dieser wird schließlich für den Kontext von professionellen Organisationssystemen spezifiziert.

Kooperationspartner


Universität Wien

Status / Timeline


1.1.2009-31.12.2012

Results


Durch die systematische Literaturrecherche wurden unterschiedliche theoretische Perspektiven auf Partizipation identifiziert und einander gegenübergestellt. Dabei zeigt sich, dass jede Theorie zur Beschreibung nicht nur einen spezifischen Ausschnitt des Phänomens wählt, sondern auch einen höchst kontingenten Zugang zu diesem entwickelt. Sozialtheoretische Ansätze zeichnen sich dadurch aus, dass sie Partizipation in Relation zu einem gesellschaftlichen Kontext setzen und dadurch spezifische – oft verborgene – Rationalitäten und Funktionen partizipativer Praktiken dekonstruieren und Partizipation als sozialen Prozess beschreiben. Darüber hinaus wird der Relevanz von Laienwissen und seiner Eingebundenheit in lebensweltliche Erfahrungen nachgegangen.

Unter Rückgriff auf den systemtheoretischen Sinnbegriff und dessen Horizonte wird das bestehende Verständnis von Entscheidungsbeteiligung erweitert. Entscheidungsprozesse können in unterschiedliche Phasen unterteilt werden (Zeitdimension); in den jeweils unterschiedlichen Phasen können Laien ihr Wissen und ihre Erfahrungen (Sachdimension) einbringen und/oder es kann ihnen die Entscheidungsmacht zukommen, die Alternativen zu selektieren und dadurch den weiteren Entscheidungsverlauf zu kontrollieren (Sozialdimension).

Diese Definition von Partizipation wird für den Kontext von professionellen Organisationen spezifiziert. Dabei werden Rollen identifiziert, welche Laien in diesen Organisationen den Zugang zu Entscheidungsprozessen ermöglichen können. Es wird nachgezeichnet, welche Funktion Laienpartizipation innerhalb organisationaler Abläufe erfüllen und anhand welcher Strategien deren Partizipation gefördert und entwickelt werden kann.

Produkte / Publikationen


Marent, B. (2012):

Partizipation im Gesundheitsdiskurs – eine theoretische Begriffs(re)konstruktion. Wien: Universität Wien (Dissertation).


Marent, B., Forster R., Nowak, P. (2012):

Theorizing Participation in Health Promotion: A Literature Review. Social Theory & Health. 10(2): 188-207.

Abstract | Full Text


Marent, B. (2011):

Partizipation als Strategie der Bewältigung der Unwahrscheinlichkeit von Kommunikation - Das Beispiel der Gesundheitsförderung. Österreichische Zeitschrift für Soziologie 36(1):48-64.

Abstract | Full Text


Marent, B., Forster R., Nowak, P. (2011):

Conceptualizing community participation: a systematic literature review of the health promotion discourse. Conference proceedings of the 7th European Congress of Community Psychology. In: Community Psychology: Common Values, Diverse Practices, edited by Thomas Saias, Wolfgang Stark, and David Fryer, Saint-Cloud:AFPC, 2011, p. 74-77.


Marent, B. (2010):

Wozu Partizipation? Theoretische Analysen zur Begründung und Praxis der Partizipation in der Gesundheitsförderung. In: Junge GesundheitswissenschaftlerInnen. Neue Impulse für das österreichische Gesundheitswesen, Alfred Grausgruber und Holger Penz (Hrsg.) Linz: OÖGKK, Johannes Kepler Universität Linz, p. 133-155.


Forster, R., Mager, U., Marent, B., Nowak, P. (2010):

Lay participation and professional organizations: a health promotion perspective: The Vienna organizational health impact and health promotion intervention model. LBIHPR Working Paper 8. Vienna: LBIHPR.


Marent, B., Nowak, P., Forster, R. (2009):

"User and Community Participation". Eine Vorstudie zur Rekonstruktion kollektiver Nutzer- und "Community"-Beteiligungen in der Gesundheitsförderung und im Krankenbehandlungssystem.LBIHPR Working Paper 1. Wien: LBIHPR.


Projektteam


Leitung: Rudolf Forster

Wissenschaftliche Mitarbeit: Ursula Griebler (vormals: Mager), Benjamin Marent, Peter Nowak